#Hetzefrei - Wie Medienschaffende mit Hassrede umgehen

Zum Aktionstag für Betroffene von Hasskriminalität am 22. Juli hat das No Hate Speech Movement Medienschaffende eingeladen, um mit ihnen gemeinsam die Frage zu diskutieren, wie sie mit Hass im Netz umgehen, was sie sich als Betroffene an Unterstützung wünschen und ob und wie über Rechte berichtet werden sollte.

Eingeladen wurde ins Cafe Refugio in Berlin-Neukölln. Auf dem Panel haben die Journalist*innen Nicole Diekmann (Korrespondentin ZDF-Hauptstadt-Studio), Raphael Thelen (freier Journalist) und Tarik Tesfu (Jäger& Sammler, Aktivist) mit Moderatorin Joanna Stolarek (NdM) diskutiert. Eröffnet wurde der Abend durch die Speakerin Nhi Le mit einem Poetry-Slam zu Sexismus im Alltag.

Die Eingeladenen haben selbst Hass im Netz erlebt, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Während Nicole Diekmann mit ihrem Tweet „Nazis raus“, vielmehr aber mit der ironischen Ergänzung, dass „jede*r [ein Nazi sei], der*die nicht die Grünen wählt“, Anfang des Jahres die rechte Szene provozierte, wurde Raphael Thelen aufgrund seines Portraits des AfD-Politikers Markus Frohnmaier, das im SZ-Magazin veröffentlicht wurde, von der eigenen Filterblase angegangen. Tarik Tesfu, der als Reporter für das junge Format Jäger&Sammler unterwegs ist und sich offen als Feminist bekennt, ist regelmäßig Zielscheibe von Hass und Hetze im Netz.

Wie reagieren auf Hass im Netz

So unterschiedlich die Hintergründe der Shitstorms sind, so unterschiedlich sind auch die Arten, mit den Hasskommentaren umzugehen. Nicole Diekmann erklärt, dass sie ab und an einen Hasskommentar auswählt, den sie durch eine öffentliche Antwort und nachfolgende Diskussion vorführe. Oft unterstützen sie auch ihre Follower*innen – den Kommentierenden vergehe dann schnell die Lust, erzählt sie. Tarik Tesfu hat eine andere Taktik: Er schaut sich die Kommentare gar nicht erst an. Er habe keine Lust mehr zu reagieren, erklärt er und ergänzt: „Wenn Rechte mich scheiße finden, dann mache ich einen ziemlich guten Job“.

Woher kommt der Hass?

Tesfu sieht zudem auch die Medienschaffenden selbst in der Verantwortung: Der Erfolg von rechten Gruppen, die Vielzahl der Hasskommentare, erkläre sich zum Teil aus der Art und Weise, wie Diskussionen in den Medien geführt werden.

 „Die, die entscheiden, reproduzieren Homofeindlichkeit, Rassismus und Sexismus, allein aus ihren Privilegien heraus,“ kritisiert er die Berichterstattung scharf. Dem müsse man sich bewusst werden, erklärt Tesfu und plädiert für mehr Vielfalt in den Redaktionen. Diekmann widerspricht: Zwar seien Berichterstattung und der Erfolg der AfD Teil eines Themenkomplexes, dennoch müsse man stärker differenzieren. Außerdem würde auch in den Redaktionen verstärkt darüber nachgedacht, wie die eigene Berichterstattung gesellschaftliche Diskurse beeinflusst – und ob man über jedes Stöckchen springen muss. Thelen ergänzt, dass er sein Portrait genauso auch wieder schreiben würde, denn es sei Aufgabe des Journalismus, Bewegungen kritisch einzuordnen. Allerdings sagte er auch, dass er sich eingeschüchtert fühle, sogar Angst habe, nochmal ein Stück über die AfD zu machen.

Tipps gegen Hass im Netz

Gegen Ende der Diskussion wandte man sich wieder der Ausgangsfrage zu: Was also tun gegen Hass im Netz? Nun brachten sich auch die rund 70 Teilnehmer*innen des Salons aktiv ein. Man müsse verstehen, dass man im Netz eine Projektionsfläche sei ­– den Hass dürfe man also nicht persönlich nehmen, so Poetry-Slammerin Nhi Le. Und sie rät dazu, sich Hilfe zu holen. Dem stimmt Raphael Thelen zu: Man müsse sich immer wieder daran erinnern, dass das Internet nicht die reale Welt sei. Auch Diekmann glaubt, dass man zwischen Netz und realer Welt unterscheiden müsse. Das Netz sei ein Verstärker, der erst ab einer bestimmten Lautstärke anspringe, so Diekmann. Man müsse sich breit machen: „Jede*r, der*die hilft, jeder noch so kleine Account hilft“.

Tarik Tesfu entgegnet, dass er den Hass aus dem Netz auch in der realen Welt erlebt: „Hass im Netz hört nicht auf, wenn man den PC ausschaltet“. Der erste Schritt müsse sein, Betroffene und ihre Erfahrungsberichte ernst zu nehmen: Hass ergebe sich aus gesellschaftlichen Strukturen. „Wir sind alle Teil des Problems“, erklärt er. Auch als nicht-betroffene Person habe man eine Verantwortung. Wenn jemand angegriffen wird, solle man auf die Person zugehen. „Zuspruch hat noch nie geschadet“, so Tesfu.

 

Pressemitteilung des No Hate Speech Movement

 

Berichte zum Aktionstag des No Hate Speech Movements

netzpolitik.org

Heise Online

Medienmilch

 

Berichte zur Veranstaltung #hetzefrei

Deutschlandfunk

Bayerischer Rundfunk

Menschen machen Medien

 

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